Fantastische Pasquinaden: Satire in der Science-Fiction

Ray Bradbury definierte Science-Fiction als „jede Idee, die im Kopf vorkommt und noch nicht existiert, aber bald existieren wird, und alles für jeden verändern wird, und nichts wird jemals wieder so sein wie zuvor.“ Science-Fiction kann aber auch mit Spott oder Übertreibungen bestehende Verhältnisse ins Visier nehmen. Die fantastischen Erzählungen eignen sich besonders gut für diese Art von Kritik, da die Handlungen meist in der Zukunft, in anderen Realitäten oder Welten spielen. Offizielle oder inoffizielle Zensoren kann man – falls sie die versteckte Kritik überhaupt wahrnehmen – damit beschwichtigen, dass das alles nicht die Wirklichkeit betrifft und ganz anders gemeint war.

Satirische Proto-Science-Fiction

In fantastischen Geschichten versteckte Satire taucht schon sehr früh auf. Die von dem antiken Satiriker Lukian von Samosata (ca. 120 – ca. 180/200) verfasste Erzählung Wahre Geschichten handelt von einer Reise zum Mond und berichtet über den Krieg zwischen dem Mondkönig und dem Sonnenkönig um den Morgenstern. Was Lukian damit beabsichtigte, waren weniger Spekulationen über Verhältnisse auf anderen Welten. Er zielte stattdessen auf die Mythen und die Geschichtsschreibung seiner Zeit ab.

Auch der französische Aufklärer Voltaire (1694 – 1778) berichtet in seiner Erzählung Micromégas von den Bewohnern anderer Planeten, die der Erde einen Besuch abstatten. Die Absicht dieser Geschichte ist aber ebenfalls nicht, von Sirius- und Saturn-Bewohnern zu erzählen. Voltaire wollte damit vielmehr die Verhältnisse auf der Erde des 18. Jahrhunderts aus der Sicht außerirdischer Besucher beleuchten und kritisieren.

Nur selten kommt der irische Schriftsteller und Geistliche Jonathan Swift (1667 – 1745) in den Sinn, wenn man von frühen Science-Fiction-Autoren spricht. Sein bekanntestes Werk, Gullivers Reisen (Gulliver‘s Travels), ist aber ein typisches Beispiel der „fantastischen Reise“, die als Subgenre der Science-Fiction gesehen werden kann. Gulliver, der Held des Romans, kommt auf die Insel Liliput, deren Bewohner nur sechs Zoll groß sind und ein normaler Mensch als Riese gilt. Später landet er auf Brobdingnag, wo das Gras so hoch wie Bäume ist und die erwachsenen Einwohner bis zu 70 Meter in die Höhe ragen. Weitere Reisen führen Gulliver unter anderem zu der schwebenden Gelehrteninsel Laputa. Jonathan Swift spielt in Gullivers Reisen auf das Verhalten der Reichen und Mächtigen gegenüber den Armen und Schwachen oder die Rolle der Wissenschaft an. Diese Satire wird – ohne das nötige Hintergrundwissen – heute oft nicht mehr verstanden. Deswegen erscheint Gullivers Reisen manchmal sogar als Kinderbuch. Aber Jonathan Swifts Zeitgenossen wussten, um was sich seine Erzählung wirklich drehte.

Gulliver bei den Liliputanern. Die satirische Geschichte wurde in dieser Grafik aus dem 19. Jahrhundert noch einmal zu satirischen Zwecken verwendet: Gulliver repräsentiert Uncle Sam, und die kleinen Menschen sind Politiker der Demokratischen Partei. (Bild: New York Public Library)

Das Universum und der ganze Rest

Als ein Beispiel moderner satirischer Science-Fiction kann Per Anhalter durch die Galaxis (The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy) von Douglas Adams gelten. Mit der Geschichte über die Beziehung zwischen Mäusen und Menschen verspottet er den Glauben der Menschheit an ihre eigene Brillanz. Er macht sich über religiöse und philosophische Debatten lustig, nimmt die Bürokratie aufs Korn und bietet mit dem Lob der Vogon-Poesie eine hervorragende Parodie der Literatur-Kritik.

Kurt Vonneguts Katzenwiege (Cat‘s Cradle) ist ein weiteres Buch, in dem es von Satire wimmelt. Ein Beispiel dafür ist die Religion des Bokononismus, dessen Gründer offen zugibt, dass alles nur erfunden ist. Aber wer trotzdem glaubt, kann mit diesen harmlosen Unwahrheiten ein gesundes und glückliches Leben führen.

Satirische Elemente tauchen selbst dort auf, wo man es weniger erwarten würde, wie etwa in den Heften der Perry-Rhodan-Serie. Ein Beispiel ist die Darstellung des freischaffenden Münchener Schriftstellers Ernst Ellert und seiner ebenso von einem „schmalen Geldbeutel“ lebenden Künstlerfreunde in dem von Clark Darlton verfassten Perry-Rhodan-Roman Das Mutanten-Korp, die auf die oft prekäre Situation von Autoren und Künstlern anspielt(Heft Nr. 4, Silberband Nr. 1). Auch der russische Präsident in Melodie des Untergangs (Perry Rhodan Neo Nr. 132) von Susan Schwartz trägt unverkennbar Züge eines bestimmten zeitgenössischen autoritären Herrschers.

Science-Fiction mag zwar meist in der Zukunft spielen. Um erfolgreich zu sein, muss sie aber für die Leser (und Zuschauer) der Gegenwart relevant sein – und diesem Zweck dient auch die Satire.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.